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Jedes Stück ein Abenteuer

Von Thomas Bodmer

Als 1986 die erste Platte der amerikanischen Gruppe The Ordinaires erschien, wurde sie in einer amerikanischen Musikzeitschrift mit Debile Menthol verglichen, also einem Schweizer Ensemble. Tat-sächlich war diese ,wilde Truppe aus Neuenburg die witzigste, intelligenteste und einfalisreichste Rock band, die es bis dahin in der Schweiz gegeben hatte.

Als der legendäre englische Gitarrist Snakefinger 1987 zum letzten Mal in der Schweiz auftrat, sagte er: "I like playing in Switzerland, because you are such groovy people and because Friedrich Dürrenmatt lives here." Hätte Snakefinger gewusst, woran die Ex-Debilen Jean-Vincent "Jean-20" Huguenin und Cedric Vuille gerade bastelten, hätte er zusammen mit dem in Neuenburg wohnenden Dürrenmatt bestimmt auch das Neuenburger Ensemble Ray~ erwähnt, denn wie für Snakefinger und den ~rössten Schweizer Schriftsteller gibt es auch für diese Gruppe keine Grenzen irgendwelcher Art.

Nun ist dies im Zeitalter von Ethno-Pop und World Music an sich ja noch nichts Besonderes, aber im Gegensatz zu Musikern, die ihren eigenen faden Brei einfach nur mit exotischen Gewürzen aus dem musikalischen Kolonialwarenladen bestreuen, hören sich die fünf Mitglieder des "gestreiften Ensembles" zwar Musik aus allen möglichen Winkeln der Welt an, verarbeiten diese aber zu etwas wirklich Eigenständigern und Neuem.

Doch wir greifen vor.

Debile Menthol, entstanden 1979, hatte zuerst 9. dann 7 Mitglieder (darunter eine klassische Geigerin), veröffentlichte den Meilenstein Emile au jardin patrologique (1983) auf dem eigens dafür gegründeten Zürcher Label RecRec und explodierte vor

lauter Energie kurz vor dem Erscheinen des zweiten Albums Battre Campagne (1986). Wie aufregend und frisch ihre Musik heute noch ist, lässt sich nachprüfen auf der Doppel-CD Emile à la campagne (ReCRec 601).

Debile Menthol (ein Wortspiel mit "debile mental" = "Schwachsinniger") probten fünfmal pro Woche, wovon ein Abend ganz der Improvisation gewidmet war, entwickelten so höchst raffinierte Eigenkompositionen, in denen sie Elemente von Jazz, Punk und moderner E-Musik miteinander verschmolzen, und waren eine Live-Band, deren Energie in die Tanzbeine führ, während ihre Vielschichtigkeit zum Sitzen und Zuhören animierte. Genau an dieser Spannung ging die Band auch zugrunde: Der Schlagzeuger drängte zum Punk, dem Keyboarder konnte nichts kompliziert genug sein, die Tourneen durch die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien begeisterten wohl das Publikum, brachten aber kein Geld und zerrten an den Nerven.

"Es ging zum Schluss so heftig zu und her", erzählt Ce'dric Vuille heute, "dass ich mich gar nicht mehr getraut habe, ein Stück vorzlLschiagen. Und vor allem hatte ich ein regeirechtes SchlagzeugerTrauma. " Vuille weigerte sich fortan, live aufzutreten, begann für sich zu komponieren, spielte im Playback-Verfahren verschiedene Instrumente übereinander und kombinierte seine Vorlieben für Ska und Reggae mit seinem Sinn für Skurriles.

Zu ihm gesellte sich Jean-20 Huguenin, der in den debilen Zeiten seine Liebe zum Ragtime verschwiegen hatte, weil das den punkigeren Kollegen nicht gepasst hätte. Was für ein Verlust es für die Musikwelt gewesen wäre, wenn Huguenin diese Liebe nie hätte ausleben können, ist unüberhörbar. Seine Solonummer

Rag'n'Rale auf En Frac!, derdritten CD des Ensemble Rayé, ist absolut atemberaubend. Huguenin klingt ,wie zwei Gitarristen gleichzeitig, doch wird seine Virtuosität nie Selbstzweck, sondern steht immer im Dienst der Musik. Kein Wunder, dass 1994 ein amerikanischer Kritiker schrieb, Huguenin sei "one of the most impressive guitarists" überhaupt

Neben der Zusammenarbeit mit Vuille komponierte Huguenin Musik für das international bekannte Puppentheater Theitre de la Poudrie're und spielte bei Nimal, der Gruppe von Jean-Maurice "Momo" Rossel, einem weiteren

Ex-Debilen. Zusammen mit dem amerikanischen Cellisten Tom Cora und dem slowenischen Akkordeonisten Bratko Bibic schufen sie eine Musik, in der sich die Energie des Rocks mit den Klangfarben balkanischer Folklore zu einem aufregenden neuen Ganzen verband.

Vuille und Huguenin gründeten 1987 das Ensemle Rayé (fortan ER), 1990 erschien auf dem französischen Label AYAA ihr gemeinsames Werk Meme en hiver 1 Comme un pinson dans l'eau. Die Platte hat zwei Titel, weil die Musiker je für eine Seite verantwortlich zeichneten. Die Malerin Tatjana Hauptmann stellte alle Kompositionen bildlich dar und schuf so einen der schönsten Umschläge der Schallplattengeschichte.

Das internationale Echo ging von "truly wonderful" (USA) über "im pagabile" (Italien) bis "on le ré-écoutera ä l'inflni" (Frankreich), doch im Schweizer Radio wurde diese Musik nicht gespielt, da sie in keine Schublade passte: Da gab es einen Skaggae mit noch nie gehörten Klang-farben, trippelte auf EIle court, la basse-cour ein ganzer Hüherstall über die Tasten, ertönten so sonderbare Instrumente wie ein 44 "musikalischer Igel" oderein "Pedalophon".

1993 erschien Quelques pikes detachees, die zweite CD des ER, ,wieder waren sich die Fachleute im Ausland einig: In Italien wurde die Gruppe "quasi una Penguin Brasserie Orchestra" genannt und mit der höchsten Bewertung ausgezeichnet; der amerikanische Kritiker Peter Thelen fand, Vuille und Huguenin erweiterten die Möglichkeiten des Gitarrenspiels und führten es zu neuen Höhen, weshalb die CD "a musthave" für Gitarrenfans sei; und in Frankreich stellte man fest, man ftnde bei diesen Musikern "tout ce qui rend la musique agreable". Stimmt: Die Gruppe spielt eine menschenfreundliche, herzerwärmende Musik, die an FelliniFilme, Folklore, Zirkusmusik und unser aller Kindheit erinnert. Die Kompositionen zeichnen sich aus durch melodischen Einfallsreichtum, Witz und Raffinesse, ungewohnte Klangfarben und überraschende Rhythmuswechsel, und es gibt wenige Gruppen. deren Spielfreude so unmittelbar spürbar ist.

 

Waren die ersten beiden Alben reine Studio-projekte gewesen, ist aus dem ER mittlerweile eine Live-Band geworden mit demSaxophonisten und Klarinettisten Pierre Kaufmann und der aus Kanada stammenden Multiinstrumentalistin Shirley Anne Hofmann. Die Italien-Tournee letztes Jahr war der Währungs unterschiede wegen finanziell ruinös, doch die Reaktionen von Publikum und Kritikern waren begeistert. Von "singolare magia" war da die Rede, und das ER wurde als "uno dei gruppi piü accreditati dell' ultimo decennio" bezeichnet.

"Es ist wirklich sonderbar", erzählt Shirley Hofmann, die das musikereigene LabelUsineS leitet, "wir verkaufen mehr  CDs in Japan als irgendwo sonst. * Und Momo Rossel fällt ein: "Radio Bremen spielt unsere Musik regelmässig. In der Schweiz heisst es:

"Mir persönlich gefällt eure Musik sehr, aber unsere Hörer möchten lieber etwas, bei dem sie schwatzen können, statt zuhören zu mässen." Im Dezember 1996 hat Shirley gerade ein Baby bekommen, aber im Herbst 1997 wollen wir wieder auf Tournee gehen und 1998 in Japan und in Kanada spielen. "

Ob die Schweizer irgendwann einmal aus dem Ausland hören, dass eine der international besten Instrumentalgruppen eigentlich ein Schweizer Ensemble ist? En Frac!, die dritte und beste CD des ER, ist ein musikalischer Hochgenuss. Aber unser Land ist ja nicht unbedingt für seine Genussfreude bekannt.

Thomas Bodmer. 1951 in Zürich geboren. lehi nach zwanzigJahren Verlags. lektorat als freier Ubersetzer und Journalist in Zürich.

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